
In letzter Zeit war ich viel auf Rhein und Donau unterwegs und es war wieder mal Abwechslung nötig. Die Elbe hatte ich schon länger im Visier, und es wurde Zeit auch diesen Fluss kennenzulernen. 2 Tage Urlaub und schon war das Pfingstwochenende für die Strecke von Dresden nach Magdeburg ausreichend verlängert. Das Wetter war top und meine Erwartungen wurden weit übertroffen. Der Fluss ist das reinste Urlaubsparadies, Sandstrände und Zeltplätze ohne Ende, kaum bis keine Ortschaften am Ufer, wenig Menschen und für mich was ganz Besonderes: keine Hindernisse, die Elbe strömt einfach immer. Selten bin ich so erholt von einer Tour zurückgekommen.

Die Elbe entspringt im Riesengebirge in Tschechien nahe der Grenze zu Polen. Nach dem Durchbruch durch das Elbsandsteingebirge wird sie zum Flachlandfluss der deutschen Tiefebene. Mit einer Länge von knapp über 1000 km gehört sie zu den bedeutenden europäischen Flüssen und hat ein großes Einzugsgebiet. Das Besondere für Paddler: Sie fließt frei ohne Hindernisse von der tschechischen Grenze bis kurz vor Hamburg.
Tag 1
Dresden bis Fichtenberg
66km 28 Grad

Bei der Planung der Anreise dachte ich mir: Diesmal gönnst du dir eine Direktfahrt ohne x-mal umsteigen und DB-Anschlüsse verpassen. Also Flixbus gebucht, direkt nach einem kurzen Arbeitstag mit gepacktem Faltboot und Rucksack zur Abfahrt nach Kornwestheim. Leider war das diesmal aber ein ganz schöner Reinfall. 2 Stunden nach geplanter Abfahrtszeit kam der Bus und während der Fahrt kam noch eine Stunde Verspätung dazu. Meine geplante Ankunft beim Kanuverein ESV Dresden hat sich so um drei Stunden verschoben. Ich habe auch noch die Straßenbahn nach Dresden Weststadt verpasst und bin dann im Endeffekt die gesamten 5 km gelaufen. Ganz schön erledigt, habe ich nur noch das Zelt aufgebaut und mich hingelegt.

Der Zeltplatz beim ESV hat eine schöne Wiese, und ich habe mir mal Zeit genommen, um meine Ausrüstung zu fotografieren. Zu sehen ist die Ausrüstung für Übergangswetter. Also noch ein paar Kleidungsstücke mehr für kühle Nächte. Im Hochsommer ist es bedeutend weniger. Es waren natürlich wieder ein paar Dinge dabei, die ich nicht einmal gebraucht habe, aber man lernt bei jeder Tour immer etwas dazu. Wichtig für mich persönlich ist, dass ich außer dem Bootswagen keine Decklast habe. Der Nortik Argo ist ein Raumwunder, und man neigt dazu, mehr mitzunehmen, als man braucht. Die Streben unter den Packluken sind zwar nervig beim Beladen, aber man findet schon einen Weg. Wichtig ist immer: alles am gleichen Platz in der gleichen Reihenfolge beladen, sonst dreht man irgendwann durch beim Suchen.

Nachdem alles gepackt war ging es runter an die Elbe, es ist für mich jeden mal spannend in einen neuen Fluß einzusetzen.

Der Raddampfer „Stadt Wehlen“ ist eine Besonderheit. 1879 gebaut und immer noch in Betrieb, gehört er zu den ältesten Raddampfern weltweit. Es war das einzige Schiff, dem ich bis kurz vor Hamburg begegnet bin.

Überall am Ufer war ein Meer von Lila und Gelb zu sehen. Ende Mai sieht es am Ufer der Elbe wunderschön aus. Der Schnittlauch war in voller Blüte.
Ich habe mal grob durchgerechnet: Circa 35000 Paddelschläge pro Tag mache ich bei einer durchschnittlichen Tagestrecke von 60km. Das hört sich nach viel an, geht aber je nach Technik voll klar. Ich versuche mich nicht zu verausgaben sondern konsistent immer die gleiche Frequenz zu paddeln. Mit dem Argo sind solch lange Tagesetappen kein Problem, er ist ein sturer Geradeausläufer, man muss nicht viel machen und kommt ohne großen Kraftaufwand flott voran.

Der Kontrast der Farben hat schon von weitem ins Auge gestochen, ein traumhaftes Fotomotiv.

Kurz vor Meißen ist es immer noch hügelig.

Die Landschaft um Meißen herum ist sehr malerisch.

Direkt gegenüber der Stadtkirche vor der Brücke befindet sich der Kanuclub SG bei dem man auch nächtigen kann.

Dann kamen die letzten Ausläufer des Elbsandsteingebirges, es folgte das Norddeutsche Tiefland.

So sah es für die nächsten 400 kilometer aus. Gewöhnungsbedürftig, wenn man vom Süden kommt. Das hat aber meiner Freude keinen Abbruch getan, ich war absolut begeistert von diesem Fluss.

Es wurde spät und ich hatte genug für diesen Tag. Ich musste gar nicht lange suchen und gleich der erste Lagerplatz war vom Feinsten. Abgelegen, weit und breit keine Straßen und Wege.
Tag 2
Fichtenberg bis Klöden
65km 31 Grad

Und am nächsten Morgen wurde ich von strahlendem Sonnenschein verwöhnt. Ich hatte mal wieder Glück, Ende Mai ist es zwar schon oft warm aber die Temperaturen tagsüber waren sommerlich. Es sollte an diesem Tag bis 31 Grad geben, der wärmste Tag bis jetzt im Jahr.

Mit dabei war an diesem Morgen ein blinder Passagier, ich wollte ihn am Ufer absetzen er hat sich aber geweigert und im Süllrand versteckt. Da ich ihn nicht verletzen wollte habe ich ihn gelassen und er ist noch den halben Tag mit mir mitgefahren..

Aus der Luft kann man gut sehen, wie das „Buhnenland“ aufgebaut ist. Da die Buhnen meist parallel verlaufen und leicht in die Strömung geneigt sind, steigen die Fließgeschwindigkeit und der Wasserspiegel. Das ist vorteilhaft für die Schifffahrt und für Paddler auch nicht verkehrt, da keine Stauwerke gebaut werden müssen.

Es war heiß, ich liebe solche Temperaturen beim Paddeln, aber mein Körper war das noch nicht gewohnt.
Dewegen bin ich so oft wie möglich Baden gegangen, seit ich den Wiedereinstieg über den Bug gelernt habe, mache ich das oft bei solchen Temperaturen. Das ist erfrischend, regt den Kreislauf an und gibt wieder einen Power-Boost zum Paddeln.

Alles ist topfeben. Die Strecke ist ja eigentlich berühmt und berüchtigt für den Nordwestwind, da das die Hauptfliessrichtung der Elbe ist. Für mich gab es an diesem Tag Windstille, das hat mir sehr gefallen. Ich finde Gegenwind beim Paddeln fast noch unangenehmer als beim Radfahren, man hat das Gefühl, dass man gar nicht mehr vorankommt.

Riesige Schafherden waren des öfteren zu sehen, das hat sehr an den Niederrhein erinnert.

Da die Strömung und das Wetter so gut waren, habe ich mir viel Zeit gelassen und mich immer wieder in die Sonne gelegt, gebadet und gedöst. Meine geplante Tagestrecke war trotz der vielen Pausen kein Problem.

Flachland, Buhnen, Einsamkeit, Strömung, Badewetter und Sandstrände. Ich bin leicht zufrieden zu stellen. Die Landschaft ist absolut unspektakulär aber ich war begeistert von diesem Fluß. Reines Urlaubsfeeling. Ich kann mir gut vorstellen diese Strecke nochmal zu fahren einfach nur um Strandurlaub zu machen.

Obwohl ich mitten während der Pfingstferien unterwegs war, waren die Ufer so gut wie ausgestorben. Wenn es Möglichkeiten gab, mit dem Auto in die Nähe des Ufers zu kommen, dann waren Angler präsent – gar nicht mal unbedingt, um zu angeln, sondern um mit Freunden und Familie zu feiern. Die haben dann ganz schön viel Aufwand betrieben und große Pavillons und den obligatorischen Grill aufgefahren. Absolut verständlich. Wenn ich hier wohnen würde, dann wäre ich bei dem Wetter immer hier. Ab und zu muss man dann doch in die Zivilisation, um die Vorräte wieder aufzufrischen. Das habe ich in Torgau gemacht. Beim Kanuclub habe ich mein Boot geparkt und der Supermarkt war nur einen knappen Kilometer entfernt. Man kann bei denen natürlich auch zelten, aber ich wollte unbedingt wieder am Fluss campieren.

Den Kühen war es auch zu heiss.

WIlder Schnittlauch hat das Bild der Ufer über weite Strecken geprägt.

Ein paar Stunden vor der Dämmerung habe ich dann diese Kiesbank gefunden, mit festem Untergrund für das Zelt und versteckt zwischen zwei großen Buhnen. Ein wunderschöner Privatstrand wie aus dem Bilderbuch.
Tag 3
Klöden bis Dessau
72km 28 Grad

Der nächste Morgen war recht frisch und Nebel lag auf dem Fluss,

Es hat aber nicht lange gedauert bis die Sonne ihre volle Kraft entfaltet hat.

Der Himmel war schon wieder frei als alles gepackt war und es ging noch eine Runde Baden. Als Liebhaber der Freikörperkultur war das Buhnenland für mich ein Paradies. Die Wasserqualität der Elbe ist ok. Nicht schlechter oder besser als andere große Flüsse.

Für diesen Tag war Gegenwind vorhergesagt, mit dauerhaften Böen bis 18km/h. Deshalb bin ich früh raus um die morgendliche Flaute zu nutzen. Der Wind hat aber nicht lange auf sich warten lassen. Kurz nach dieser Geraden mündet die schwarze Elster von rechts.

Die Lutherstadt Wittenberg versteckt sich weit hinter dem Deich.

Eine von vielen wunderschönen Sandbänken. Schiffsverkehr auf der Elbe ist eigentlich gar nicht vorhanden. Es waren ein paar Motorboote und Jetskis unterwegs, aber im Vergleich zu Donau oder Rhein nicht der Rede wert. Die motorisierten Bootsfahrer waren hier sehr rücksichtsvoll. Alle haben vorbildlich die Geschwindigkeit gedrosselt, wenn sie vorbeigefahren sind.

Manchmal war mir der Wind zu stark und ich habe mich einfach treiben lassen. Dabei sind mir schon ein paar Mal die Augen zugefallen. Wenn ich auf dem Boot eine entspannte Liegeposition gefunden habe, passiert mir das schnell. Empfehlenswert ist das nicht, ich bin einmal in eine Buhne getrieben worden, vor Schreck aufgewacht und habe im letzten Moment noch das Gleichgewicht halten können.

Obwohl es tagsüber fast immer stark gewindet hat, bin ich an diesem Tag die längste Strecke der Tour gepaddelt. Beim Stadtgebiet von Dessau hatte ich am Ende der langen Flusschleife genug für den Tag und habe zwischen Buhnen wieder einen schönen Sandstrand gefunden. Hinter meinem Lagerplatz war ein Altwasser und es gab noch ein Krötenkonzert zum Abend.

Und der Biber sagt vorm Schlafengehen noch Gute Nacht.
Tag 4
Dessau bis Magdeburg
61km 30 Grad

Üblicherweise sind die Schnecken morgens immer auf dem Zelt, diese Hain-Schnirkelschnecke hat es tatsächlich irgendwie rein geschafft.

Auf der Elbe gibt es einige Gierseilfähren. Die sollte man mit gebührendem Respekt ansteuern. Ich habe von einem Vorfall gelesen, bei dem ein SUP‑ler sich im Seil einer Gierseilfähre verheddert hat und ertrunken ist. Aufmerksames und vorausschauendes Paddeln ist hier angesagt. Kajan hat zu diesem Thema ein lehrreiches Video gemacht.

Gegenwindpause

Und noch eine Sonnenpause, es war einfach herrlich.

Die Sandwolfspinne ist perfekt getarnt.

Und nochmal eine Spinne, vielleicht war es der Nachwuchs, ich habe sie erst entdeckt, als ich schon auf dem Wasser war, sie hat tatsächlich angefangen, ein kleines Netz neben meinem Sitz zu weben.

Irre, wie schnell die Zeit immer vorbeigeht, nur noch 30 Kilometer und schon ist die Tour schon wieder vorbei.

Ein architektonisches Highlight kurz vor Magdeburg.

Kurz vor Magdeburg während einer Schwimmpause kam ein Rennpaddler angefahren, der wohl dachte ich wäre gekentert. Er hat mein führerloses Boot aus der Ferne auf dem Fluss gesehen und wollte nur checken, ob alles in Ordnung ist.. Nachdem ich ihm meine kontrollierten Ein- und Ausstiege erklärt habe, habe ich ihn bei der Gelegenheit gleich gefragt, wo der Kanu-Club Börde ist, mein geplantes Ziel für Abbau und Abreise. Entweder hat er es nicht gut erklärt oder mein Tinnitus und meine Gehörschwäche haben mich etwas anderes verstehen lassen. Auf jeden Fall bin ich bei der Abzweigung auf dem Bild am Stadtbeginn in den linken, den falschen Arm eingefahren. Laut Jübermann-Karte sollte es da auch einen Kanu-Club geben. Gab es aber nicht, ich habe dann Ruderer gefragt und die meinten, der Club ist an der alten Elbe. Also ging es dann einen Kilometer gegen die Strömung zurück. Das war ganz schön anstrengend nach dem langen Tag.

Relativ spät bin ich dann beim Kanu-Club Börde angekommen, habe das Boot abgebaut und beim Zerlegen des Paddels einen dummen Fehler gemacht. Alles war voller Sand und das vierteilige Paddel war kaum mehr auseinanderzubekommen. Ich war wohl etwas grob und habe am Schaft an der falschen Stelle mit zu viel Kraft gezogen und dadurch die geklebte Verbindung beschädigt. Zum Glück war die Tour vorbei, und ich kann mich zu Hause um das Problem kümmern. Während des Zerlegens des Bootes habe ich noch zwei andere Paddler getroffen, die noch bis Hamburg weitergepaddelt sind. Die Nacht habe ich hier noch verbracht und bin dann am nächsten Morgen mit dem Zug nach Hause.
Tag 5
Magdeburg bis Tangermünde
70km 33Grad
Zwei Wochen später wollte ich die Tour fortsetzen und habe mir 3 Tage Urlaub genommen, um das Wochenende zu verlängern. Die Reststrecke bis Hamburg war geplant, mal schauen, wie weit ich komme. Es war mal wieder eine lange Anfahrt, da die Bahn von Erfurt nach Magdeburg komplett ausgefallen ist. Morgens um 11 bin ich direkt von der Arbeit in Stuttgart aus los. Angekommen bin ich letztendlich um 23 Uhr. Also waren es wieder mal 12 Stunden Anfahrt. Eigentlich sollte ich es besser wissen, aber ich gebe die Hoffnung mit der DB nicht auf und mache es immer wieder. Während solch einer Anreise überlegt man sich, wieso man eigentlich nicht mit dem Auto fährt. Angekommen beim Kanuclub Börde an der alten Elbe, habe ich erst mal das Boot aufgebaut, sodass ich am Morgen gleich ohne Hektik um 7 in den nahe gelegenen Supermarkt für drei Tage einkaufen kann. Also habe ich noch in der Nacht das Boot zusammengebaut. Danach war ich so erschöpft, dass ich nur noch das Innenzelt aufgebaut und mich direkt hingelegt habe. Die gesamte restliche Ausrüstung lag auf einem Tisch neben dem Zelt, unter anderem meine Provianttasche, die habe ich schlauerweise offen liegen lassen. Am nächsten Morgen fehlten sechs von acht Proteinriegeln und eine Packung Landjäger. Nicht dass ich das dem Tier, welches auch immer das war, gönnen würde, ich hoffe nur, es hat die Plastikverpackung nicht mitgegessen.

Am Vereinshaus ist die Hochwassermarke von 2013 zu sehen. Der Wahnsinn, wie hoch das Wasser hier stand. 7,47 m statt des Durchschnitts von 2 m.

Hier am Steg vom Kanuclub kann man gut sehen, wie seicht die alte Elbe ist. Im Vergleich zu den Bildern vor ein paar Jahren ist kaum noch Wasser vorhanden. Sie droht zu verlanden. Direkt an der Brücke im Hintergrund ist das einzige Hindernis am Fluss. Überheben und den alten Flusslauf fahren ist eh nicht empfehlenswert. Ich bin wieder hoch und dann in den Hauptstrom. Ab da geht es wieder mit guter Strömung voran.

Magdeburg ist vom Wasser aus schön anzuschauen und die Elbe ist mittlerweile auf eine Breite von 200m angewachsen.

An dieser Schleuse geht es zum Mittellandkanal, rechts fließt die Elbe weiter nach Norden und links geht es Richtung Wolfsburg.

Dann folgt das Magdeburger Wasserkreuz. Auf dieser Trogbrücke verläuft der Mittellandkanal. Ein komisches Gefühl, wenn man darunter durchfährt, mit dem Bewusstsein, dass unter und über einem Wasser ist.

Weil es wenig Siedlungen und Menschen an der Elbe gibt sind viele Tiere präsent. Abgesehen von den vielen Rindern und Schafen habe ich Rehe, Kuckuck, Möwen, Eisvögel, Biber und einen Seeadler gesehen.

Eine Siedlung ist dann ab und zu doch wieder willkommene Abwechslung. Die meisten Ortschaften sind winzig, oft weit vom Fluss entfernt und über lange Strecken sieht man gar keine Häuser.

Plötzlich hatte ich irren Rückenwind. Eine Gewitterfront war immer hinter mir und hat mich verfolgt. Irgendwann hat der Wind aber gedreht und ich hatte mal wieder Glück.

Für die Kühe war ich bestimmt Abwechslung.

Dann kam wieder die Sonne raus, Baden und Entspannen war angesagt.

Tangermünde habe ich links liegen lassen, da meine Vorräte noch ausreichend waren und ich wieder am Fluss schlafen wollte.

Ein paar Kilometer nach der Stadt habe ich dann noch einen wunderschönen Platz gefunden.
Tag 6
Tangermünde bis Wittenberge
69km 29 grad

Der nächste Morgen begann wolkenverhangen und mit dem berüchtigten Westwind.

Ich habe mich mal wieder treiben lassen und plötzlich sehe ich ein Reh am Ufer, das auf einmal ins Wasser steigt und mir entgegenschwimmt. Es hat einen Bogen gemacht und ist ziemlich nah an mir ohne Scheu vorbeigeschwommen.

Kaffeepause kurz vor dem Havelmündung.

Es gab bedeutend mehr Tiere als Menschen zu sehen.

Nachdem ich in Wittenberge einkaufen war, habe ich auf dem Rückweg mein Handy in die Tasche vom Beach Rolly gesteckt. Als ich wieder beim Boot ankam, hatte ich dann ein nettes Gespräch mit einem Paddler vom lokalen Verein. Er hatte viele interessante Geschichten zu erzählen. Währenddessen habe ich gepackt und war so abgelenkt, dass ich total vergessen habe wo ich das Telefon hingepackt habe. Nachdem ich wieder auf dem Wasser war, wollte ich ein Foto machen und habe schockiert ins Leere gegriffen. Ich konnte mich nicht erinnern, wo ich es abgelegt hatte, bin an die Stelle zurück, um das Ufer abzusuchen, habe in Panik das halbe Boot entleert und dann kam die Erinnerung wieder. Gott sei Dank war es noch da. Wieder mal ein Reminder für mich immer alles am gleichen Platz zu haben.

Danach bin ich nur noch ein paar Kilometer gefahren und habe mein Camp aufgeschlagen. Der Sonnenuntergang hat den Schrecken von vorhin wieder kompensiert.
Tag 7
Wittenberge bis Hitzacker
74 km 26 Grad

Am nächsten Morgen bin ich wie immer um kurz vor 6 wach geworden, ich liebe es schon ab Sonnenaufgang unterwegs zu sein und noch den ganzen Tag vor mir zu haben.

Erst mal geht es eine Runde schwimmen zum Wachwerden und dann in den Windkanal.

Jetzt ist er da der Wind !

Skelett einer Strandkrabbe

Der Schnittlauch der im Mai so schön blühte ist schon wieder welk und nicht mehr zu sehen. Dafür gibt es zwischen den Buhnen überall Ackerwinden in weiss und rosa. Sie wird als Unkraut gesehen ist aber eine wunderschöne Pflanze.

Dann habe ich am linken Ufer eine Tafel der ehemaligen Ost-West-Grenze gesehen und bin kurz angelandet, um innezuhalten. Hierzu eine Anekdote aus meiner Kindheit: Ich kann mich noch erinnern, wie meine Eltern mich abends ins Wohnzimmer gerufen haben: Ich soll schnell kommen, es gibt etwas dass ich sehen muss. Ich stand dann an der Türschwelle und habe die Bilder des Mauerfalls im Fernseher gesehen. Ich habe mich in dem Alter damals nicht wirklich für politische Zusammenhänge interessiert, aber ich habe gespürt, dass etwas ganz Großes passiert. An dieses Gefühl kann ich mich noch sehr gut erinnern. Das grenzenlose Europa ist großartig und ein Privileg, ich bin dankbar, dass ich in solchen Zeiten leben darf.

Das Wetter wurde dann unangenhmer und kurz darauf hat es angefangen zu regnen. Also kurz anlanden, um Spritzdecke und Regenjacke überzuziehen.

Einen Seeadler in freier Wildbahn zu sehen, war für mich etwas ganz Besonderes. Ich habe versucht, keine ruckartigen Bewegungen zu machen, er hat sich aber nicht täuschen lassen, wurde misstrauisch und ist weggeflogen. Ich habe es schon am ersten Tag bereut, mein Fernglas nicht mitgenommen zu haben. Hier gibt es viel zu sehen, wenn man sich Zeit nimmt. Ich habe auch schon mit dem Gedanken gespielt, eine richtige Kamera mit Teleobjektiv mitzunehmen, aber bis ich die im richtigen Moment draußen habe, ist das Motiv eh schon weitergezogen. Abgesehen davon muss ja alles immer wasserdicht verpackt sein, leider viel zu aufwändig.

Kurz vor Hitzacker hab ich zur Abwechslung mal einen Lagerplatz mit ein paar Weiden und Pappeln gefunden. Der Spot war zwar am Hang, aber ich habe für das Zelt eine ebene Mulde gegraben, das war kein Problem. Es war der letzte Abend an der Elbe, am längsten Tag im Jahr, dem 21. Juni, ein wunderschöner Tag. Ich werde es vermissen: die Sandstrände, nackt herumlaufen und zu baden, die Einsamkeit und die Tierwelt, vor allem den hier allgegenwärtigen Kuckuck.
Tag 8
Hitzacker bis Lauenburg
50km 28 Grad

Aufbruch zur letzten Etappe. Hamburg werde ich nicht mehr schaffen, der letzte Urlaubstag geht für die Rückfahrt drauf. Das Ziel war Lauenburg und dann geht es wieder in die Zivilisation.

Kaum Gegenwind und strahlender Sonnenschein am letzten Tag.

Nach einer Fähre überholte mich ein Lastkahn. Der Steuermann war wohl schlecht gelaunt, obwohl ich rechtzeitig zur Seite aus der Fahrrinne gefahren bin gab er mir das Horn und per Lautsprecher die Frage warum ich mich denn in der Fahrrinne aufhalte. Ich war ja bereits schon am Rand. Ich hatte schon Verständnis da der Wasserstand ganz schön niedrig war, der Pegel Wittenberge war nur 1 Meter, aber da konnte ich ja nichts dafür. In mancher Innenkurve war es so niedrig das ich aufgesessen bin und das Boot wieder ins tiefere Wasser ziehen musste. Er hatte wohl seinen schlechten Tag…

Ein einsames DDR Faltboot am Strand, keine Spur von der Besatzung.

Das Leben meint es gut mit mir, den letzten Tag geniesse ich ausgiebig mit Sonnenbaden und Schwimmen.

Und der Fluß ist mittlerweile richtig breit geworden.

Diese Taube hat den Argo bewacht, während ich sonnenbaden war. Ich lag bestimmt eine halbe Stunde im Sand und sie hat sich nicht bewegt. An dieser Stelle eine kleine Anekdote, wie ich zu meinem Argo gekommen bin: Ich lag 2021 auf der Krebsstation in der Onkologie nach der Stammzellentransplantation und mir ging es richtig schlecht. Nachdem mir meine eigenen Stammzellen eingeflößt worden waren, ist mein Immunsystem komplett im Keller gewesen. Das ging knapp 2 Wochen. Währenddessen habe ich auf Kleinanzeigen einen gebrauchten Argo entdeckt, 2 Jahre alt und kaum gefahren, da der Aufbau dem Besitzer zu umständlich war, wollte er ihn wieder loswerden. Ich hatte noch etwas Reserven und dachte mir: Das gönnst du dir jetzt einfach, das habe ich mir verdient. Der Preis war auch akzeptabel, nur war das Boot in Hamburg. Wie bekomme ich es nach Hause ? Dann fiel mir ein dass ein alter Bekannter mit dem ich in den 90er viel mit dem Skateboard unterwegs war in Hamburg wohnt. Er hat für mich das Boot gekauft und zu MDCN Distribution gebracht, das ist der Vertrieb der die Skateboards für meine Marke TELUM SKATEBOARDS produziert. Michi von MDCN war so nett und hat dann mit einer Bestellung Skateboards das Faltboot zu mir nach Hause geschickt. Vielen Dank an Jürgen und Michi dass alles so wunderbar geklappt hat. Nachdem ich nach Monaten endlich aus dem Krankenhaus entlassen wurde und heimkam habe ich mich riesig auf meinen erstes Faltboot gefreut. Zuhause hat die Kraft aber nur gereicht um dem Karton zu öffnen. Das erste mal zusammenbauen kam einige WOchen später.Mittlerweile fahre ich fast nur noch mit dem Argo, ich habe mich in die Fahreigenschaften und die Optik verliebt. Zusammenbauen geht mittlerweile in 20 Minuten, mit Steueranlage in 25 Minuten ohne Probleme. Zurück zur Taube, die hat natürlich als ich weiterfahren wollte einen Taubenschiss hinterlassen.

Ankunft in Lauenburg, die Zivilisation hat mich wieder.

Der Platzwart vom Ruderklub Lauenburg der in diesem Moment aus dem Bootshaus kommt hat mich freundlicherweise in der Umkleide übernachten lassen.
Die Rückfahrt ging mit dem Bus vom Hamburger ZOB, nach vier Tagen Fluss und Abgeschiedenheit ein Schock für mich. Hier habe ich mich nach kurzer Zeit in den McD geflüchtet, um der Flut an „Bitte einen Euro“ zu entkommen. Ich habe ja schon einige Busbahnhöfe in Europa erlebt und dachte, zwielichtiger als Milano Lampugnagno geht es nicht, aber Hamburg hat das getoppt. Abgesehen davon war die Rückfahrt selbstverständlich eine Katastrophe. Ich musste in Karlsruhe umsteigen und fast zwei Stunden warten und dachte, das spare ich mir und nehme einfach den Zug. Eine fatale Fehlentscheidung. Der hatte natürlich Verspätung, ohne Ansage. Mit einer Stunde Verspätung kam er dann, fuhr aber nicht los. Dann kam die Meldung, dass es eine deutschlandweite Störung im Funknetz der Bahn gibt. Nichts fährt mehr deutschlandweit. Kurz vor Mitternacht fuhr gottseidank doch noch, aber es war natürlich zu spät für die Anschlussverbindungen. Zum Glück hat mich meine Schwiegermutter abgeholt und bei sich übernachten lassen. Insgesamt war ich 15 Stunden unterwegs, bis ich in Stuttgart war.
Fazit zur Tour: Auf jeden Fall bin ich von der Elbe sehr begeistert, ein toller Fluss, um die Seele baumeln zu lassen, zu entschleunigen und um zu sich zu kommen. Es gibt zumindest bis Ende Juni keine Stechmücken und es ist so einsam wie auf keinem anderen deutschen Fluss. Sobald sich bei mir ein brauchbares Zeitfenster auftut, will ich den tschechischen Teil bis Dresden fahren und noch das Reststück bis Cuxhaven. Mal schauen, vielleicht finde ich ja einen Hamburger Paddler, der die Stadtdurchfahrt mit mir machen könnte. Ich habe nämlich keinerlei Seekajakerfahrung und bin noch nie mit Tide gefahren.
Nach der Tour ist vor der Tour
FORTSETZUNG FOLGT…


