Wer mit Skateboarding nichts am Hut hat, hier erst mal eine Einführung: Man nehme ein motiviertes Skateboardteam oder eine Gruppe gleichgesinnter Skater und ein paar Autos, dann fährt man geeignete urbane Plätze oder Skateparks an, die Potenzial bieten, gute Tricks und Aufnahmen zu machen. Das Ganze mischt man noch mit Urlaubslocations und Feierstimmung, und heraus kommt dann sowas:
Solche Touren haben wir früher mit dem gesamten Team mit meiner Skateboardmarke „TELUM“ gemacht. Wen es interessiert, hier unser letztes Full Length Video, Arbeit mehrerer Jahre: COME ON BOARD.
Nach meinen schweren Krebserkrankungen 2029 und 2021 habe ich mich aus dem Skateboardbusiness gezwungenermaßen zurückgezogen. Abgesehen davon habe ich neben meiner Vollzeitanstellung keine Kraft mehr das ernsthaft zu betreiben. Deswegen habe ich das Skateboardbusiness auf ein Minimum reduziert. Durch meine Vorliebe in den letzten Jahren viel draussen unterwegs zu sein, dachte ich mir, warum nicht mal eine Skatetour mit dem Fahrad.
Für mich ist eine Skateradtour die konsequente Weiterentwicklung und ultimative Steigerung einer klassischen Skatetour mit dem Auto, das Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit wird mit diesem Transportmittel um ein Vielfaches gesteigert. Weg von den Straßen und Parkplätzen und näher ran an die Orte, zu denen man mit einem Auto nicht hinkommt. Zusätzlich ist es einfach ein geiles Gefühl, alles, was man braucht auf dem Rad zu haben: Skateboard, Filmequipment, Zelt und Schlafzeug, Nahrung usw.. Sozusagen ein mobiles Zuhause.

Ich habe schon mehrere Solo-Skateradtouren gemacht, aber gemeinsam mit Gleichgesinnten ist das einfach viel schöner. Mit Alex und Winnie habe ich die ideale Besetzung für so eine Tour, ein Dream-Team. Die Idee war, einmal um den See zu fahren und an jedem Skatepark auf dem Weg eine Session zu fahren. Wir waren immer Mitte August unterwegs und an sich ist Skateboardfahren bei über 30 Grad keine gute Idee, aber wir haben unsere Route so geplant, dass wir in der Nähe vom See waren. So gab es immer eine Möglichkeit, sich abzukühlen.
Tag 1
Radolfzell bis Wahlwies
11 km 32 Grad
Ich war bereits einen Tag früher unterwegs und habe noch eine Fluss-Radtour gemacht: Von Triberg aus bin ich die Brigach von der Quelle bis zum Zusammenfluss der Breg mit der Donau gefahren, danach bin ich nach Immendingen, habe bei der Donauversickerung übernachtet und habe am nächsten Morgen noch eine Fluss-Radtour gemacht. Passend zur Donau: An der Aach, der größten Karstquelle Deutschlands, kommt das Donauwasser wieder zum Vorschein das im Sommer versickert. Sie mündet dann nach 30km bei Radolfzell in den Bodensee, und da das unser Treffpunkt zur Skateradtour war, hat das perfekt gepasst.

Getroffen haben wir uns in Radolfzell hinter dem Bahnhof am Strand, vom gleichen Ort aus habe ich eine Etappe meiner Rhein Faltboot Tour gestartet. Dann ging es erst mal zum Skatepark Radolfzell der unweit vom Bahnhof ist.
Winnie beim Skaten zuzuschauen wird nie langweilig.

Dann ging es los im Uhrzeigersinn um den See, wir hatten 3 Tage und viele, viele Skateparks auf dem Weg. Das grobe Ziel war erst mal Lindau.

Der nächste Stop, Steißligen, ein Skatepark aus der Steinzeit mit üblem Boden der Winnie und Alex aber nicht gehindert hat hier abzugehen. Wir waren wohl die ersten Skater seit Jahrzehnten im Park, so hat es sich angefühlt.
Vorsicht war geboten, weil überall Autos herumstanden. Der Skatepark war wohl in den Augen der Allgemeinheit eher ein Parkplatz.

Winnie und ich studieren die Lage: Ich liebe klassische Navigation per Landkarte. Ich kann das nur empfehlen. In der heutigen Zeit, in der alle Informationen digital verfügbar sind und die meisten Menschen dank Ihrer mobilen Begleiter langsam debil werden, ohne es zu merken, ist mir das wichtiger als je zuvor. Wenn ich die Möglichkeit habe, etwas analog zu machen, dann mache ich es auch. Ich kann mir nichts Langweiligeres vorstellen, als dass ein Programm einem eine Route vorschlägt, der man dann blind folgt. Langeweile pur. Mit Landkarten lernt man die Landschaft, die Länder und vor allem die Ortschaften richtig kennen, man erinnert sich auch noch nach der Reise, wo man war, und es bleiben keine „namenlosen Dörfer“ im Gedächtnis.
Nach der Session wurde es Zeit für den ersten Campspot und wir haben uns in Richtung Ludwigshafen aufgemacht.

Dann gab es ein paar Höhenmeter und wie es der Flow so will, kam kurz Wahlwies auf dem Berg ein Campspot wie aus dem Bilderbuch, ein Waldhaus mit Feuerstelle und Trinkwasser.

Nachdem wir überraschend diesen perfekten Platz gefunden hatten, bin ich, während Alex und Winnie das Feuer klargemacht haben, nochmal runter zum Einkaufen und dann den Berg wieder hoch. Ich hatte mal wieder zu viel überschüssige Energie.

Den Abend haben wir dann mit einer gemütlichen Grillsession verbracht. Da es so warm war und kein Regen vorhergesagt konnten wir alle unter freiem Himmel schlafen.
Tag 2
Wahlwies bis Meersburg
31 km 33 Grad

Am nächsten Morgen


Nach dem Downhill Richtung Wahlwies ging es, Bodensee-typisch, zwischen langen Apfelmonokulturen entlang.

Nächster Stop war der Park in Überlingen-Nußdorf, der auch schon in die Jahre gekommen ist, dafür aber solide gebaut ist und immer noch gut dasteht. Es ist einer der besseren Skateparks von der Schweizer Firma Bowl.ch die Anfang der Nullerjahre in Südeutschland, der Schweiz und Österreich viele Skateparks gebaut hat.

Von Überlingen aus ging es erst mal durch ein schönes und kühles Waldstück zum nächsten Park nach Uhldingen.
Feeblegrind to BS Lipslide von Winnie im Skatepark Uhldingen.


Mit diesem Rad habe ich auf tausenden von Kilometern sehr viel erlebt und es hat treue Dienste geleistet. Mittlerweile fahre ich ein anderes und habe es wieder zum Rennrad zurückgebaut.
Tag 3
Meersburg bis Lindau
45 km 32 Grad

In Meersburg haben wir direkt im Park unter freiem Himmel übernachtet.

Winnie´s Homeoffice
Dann gab es nach dem Aufwachen erst mal eine Session im Park.
Im legendären Park von Immenstaad waren wir schon vor 25 Jahren auf Tour. Der durfte auf unserer Reise natürlich nicht fehlen.

In Fischbach gab es auch noch einen Park den wir zufällig entdeckt haben.
Der neue Park in Friedrichshafen ist ziemlich gut und vor allem schattig da er unter einer Brücke liegt. Hier haben wir die restliche Zeit verbracht bis es für Alex und mich nach Hause ging. Alex hat durch diese geile manual Kombo geglänzt. Die Zeit ging schnell rum und danach haben sich unsere Wege getrennt, ich bin zu meiner Familie die gerade auf Urlaub im Allgäu war und Alex ist mit der Bahn zurück nach Stuttgart. Winnie hatte sein Auto eh in Lindau geparkt und ist dann noch im Alleingang die Skateparks Langenargen und Lindau abgefahren.
Langenargen
Winnie schließt hiermit den ersten Teil der Tour passend zum Sonnenuntergang ab.
Round 2: 2025
Erst zwei Jahre später sollte die Fortsetzung unserer Bodenseeumrundung stattfinden. 2024 mussten wir unsere jährliche Tour an den Kaiserstuhl am Oberrhein verlegen, weil das Wetter am Bodensee leider nicht gepasst hat.

Ich konnte es mal wieder kaum erwarten und bin schon einen Tag früher los und direkt von der Arbeit aus in den Zug Richtung Bodensee. Eigentlich wollte ich eine Radtour an der Rotach bis zur Mündung nach Friedrichshafen machen, aber während der Anreise habe ich es mir anders überlegt und habe mich für einen Strandtag entschieden. Das war eine gute Entscheidung, es war wie immer auf diesen Touren sehr heiß und ich hatte Bock auf Baden und in der Sonne liegen. Von einer Radtour vor 2 Jahren kannte ich in der Nähe von Eriskirch einen einsamen und schönen Platz ohne Touristen.

Trotz Touri-Madness im Sommer ist es immer wieder schön, am „schwäbischen Meer“ zu sein. Wenn man weiß wie und wo, dann findet man immer noch schöne, einsame Plätze.

Der Platz war so schön dass ich gleich hier mein Nachtlager aufgebaut habe.
Tag 4
Lindau bis Hard
23km 31 Grad
Treffpunkt und Start der zweiten Runde war der Skatepark Lindau, ein richtig guter DIY-Skatepark, der dank der engagierten lokalen Szene und Spenden entstanden ist. Der Park, nur ein paar Meter vom See entfernt, ist in dieser Kombination im Sommer der Traum jedes Skaters.

Diesmal waren wir zu viert, Winnie hat mit Simon Verstärkung aus Augsburg mitgebracht.
Backside Bigspin Nocomply in Lindau.
Nach meinen schweren Erkrankungen habe ich beim Skateboardfahren mittlerweile keine Ansprüche mehr. Ehrgeiz ist immer noch da aber es beschränkt sich auf den Rahmen meiner Möglichkeiten. 2019 wurde bei mir das erste mal Krebs diagnostiziert, Non-Hodgkin-Lymphom. Nach 8 Zyklen klassischer Chemoterapie und darauffolgender Regeneration habe ich langsam wieder angefangen Skateboard zu fahren. Die Kräfte und Koordination kamen wieder und ich war motiviert an mein früheres Level ranzukommen. Skateboardfahren ist im Vergleich zu vielen körperlichen Betätigungen wie Radfahren und Kajakfahren, die ich intensiv betreibe, oder auch vielen anderen „Sportarten“ bedeutend anspruchsvoller. Das Feingefühl und die Motorik die hierbei gefordert sind kommen nicht nach kurzer Zeit, das muss man sich richtig erarbeiten.
Leider kam schon nach weniger als einem Jahr der Krebs zurück und diesmal heftiger als zuvor. Zuerst hatte ich die klassischen Symptome eines Bandscheibenvorfalls. Meine damalige Orthopädin hat dummerweise die MRT-Bilder falsch gelesen und den riesigen Tumor in der Bandscheibe nicht gesehen. Die Schmerzen wurden immer schlimmer und die Taubheit, die ich zuerst im Zeh hatte, hat sich auf das ganze linke Bein ausgeweitet. Es war mittlerweile so schlimm, dass ich nicht mehr laufen konnte und ich musste in den Rollstuhl. Kurz darauf, nach erneuter MRT in der Orthopädie Klinik Markgröningen, hat ein Arzt, der auch schon mal in der Onkologie gearbeitet hat, gesehen, dass das kein Bandscheibenvorfall ist, sondern dass der Krebs wieder da ist. Es war nicht nur ein Tumor in der Bandscheibe, sondern auch Organe waren betroffen. Da der Krebs schon weit fortgeschritten war, haben normale Chemotherapien nicht ausgereicht. So bekam ich eine Hochdosis-Chemotherapie und im Anschluss eine Stammzellentransplantation. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich im Krankenhaus lag und über die Zukunft nachdachte. Die Taubheit im linken Bein ist zwar besser geworden, aber im Geiste habe ich Skateboardfahren abgehakt für mein restliches Leben. Die erste Krankheitsphase mit der klassischen Chemo war im Vergleich dazu ein Kindergeburtstag.
Nach ein paar Wochen wurde ich entlassen und tumorfrei ging es an die Regeneration. Als ich wieder zu Hause war, habe ich beschlossen, die Hoffnung, wieder Skateboard fahren zu können, nicht aufzugeben und tägliches Aufbautraining zu machen. Zuerst war ich mit Rollator unterwegs, da ich immer noch nicht sicher laufen konnte. Ich hatte mir vorgenommen, jeden Tag meine Laufstrecke zu steigern. Nach einer Weile war der Rollator nicht mehr nötig und ich konnte schon Strecken bis 500 Meter ohne Probleme laufen. Dann kam eine 4-wöchige orthopädische Reha in Bad Waldsee, die mir sehr geholfen hat. Dort habe ich nach Feierabend und in den freien Zeiten Wanderungen unternommen und ich kam danach wieder einigermaßen stabil zurück. Der nächste Step war das Fahrrad. Ich konnte mein Bein nicht so hochheben und bin direkt beim ersten Mal Aufsteigen umgekippt. Davon habe ich mich aber nicht beirren lassen und habe konsequent weitergemacht, bis das auch ging. Mit dem Kajakfahren habe ich zur gleichen Zeit auch wieder angefangen und das war gar kein Problem, da ich dazu meine Beine ja nicht brauche.
Erst im Winter 2022 habe ich mich wieder auf mein Board getraut. Zaghaft habe ich versucht, erst mal geradeaus zu rollen und das Gleichgewicht zu halten. Schritt für Schritt habe ich mich dann an die Basics gemacht. Es war ein Gefühl, als ob ich das Ganze wieder von vorne beginne, jedoch mit dem Vorteil, dass die ganzen Bewegungsabläufe im Unterbewusstsein gespeichert sind und ich sie „nur“ aktivieren muss. Fazit meiner Behandlungen. Eine dauerhafte Behinderung im linken Bein, das Knie ist taub, im Winter strahlt die Taubheit bis in die Mitte des Oberschenkels. Das Ganze resultiert daraus, dass der Tumor in der Bandscheibe die Nervenstränge abgeklemmt hat und ein paar Stränge haben nach der Behandlung nicht mehr zusammengefunden.
Rückblickend bin ich glücklich und dankbar, dass ich wieder skaten kann, zwar auf einem anderen Niveau als früher, aber es macht mehr Spaß als je zuvor. Jetzt geht es aber wieder mit der Tour weiter 🙂

In jedem Skatepark muss jeder einen Trick filmen, das ist unsere Mission der Skateradtour.



Auf dem Weg nach Bregenz.
Best Trick der Tour von Simon in Bregenz.

Und natürlich alles immer schön dokumentieren.

In Hard haben wir noch den Abend gemütlich ausklingen lassen.
Tag 5
Hard bis Arbon
30km 29 Grad

Es gab am Morgen eine kurze Regenpause, die wir direkt für schnellen Zeltabbau genutzt haben…

In Rekordzeit Zelte abbauen und packen.

An diesem Skatepark mussten wir unsere „Jeder filmt einen Trick“ Mission leider aussetzen wegen dem Regen.

Das war eine gute Entscheidung denn nach dem Abbau hat es ein paar Hundert Meter weiter direkt wieder angefangen mit Starkregen den wir dank Carport im Wohngebiet abgewartet haben.

Kurz vor der Schweizer Grenze waren wir noch kurz einkaufen und schon kam wieder die Sonne raus.

Nachdem wir den Rhein überquert hatten, gab es plötzlich Sturmböen. Mir hat es mehrfach meine Cap vom Kopf gerissen. Beim Anhalten und Suchen nach der Cap hat es zu meinem Unmut auch noch mein nagelneues Rad umgehauen. Kurz darauf habe ich die anderen wieder eingeholt und Winnie hat einen Landwirt kennengelernt, der mit uns unbedingt am Morgen ein Bier trinken wollte. Bier am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen, Nee, Spaß beiseite, ich konnte die Flasche nicht ganz leeren aber vielen Dank für die Einladung Erik !


Dann ging es durch das Rheindelta zum nächsten Skatepark auf Schweizer Seite Richtung Thal.

Oberhalb von Altenrhein kamen wir nach ein paar Höhenmetern zum nächsten Skatepark . Wieso der Park den abenteuerlichen Namen „Wilder Käse“ hatte, konnten wir nicht herausfinden. Alles war gefühlt brandneu und bot inklusive Miniramp eine Menge Spaß.
Alex hat mal wieder kreativen Raum gefunden und wie immer mit seiner Spezialität „Flinke Füße Kombo“ geglänzt.

Es war irre heiß. Direkt neben dem Skatepark gab es einen kleinen Bach, den wir zur Abkühlung genutzt haben.


Skatepark Goldach, wie aus den 90ern.

Stilleben einer Skateradtour

Dieses Glanzstück einer Quarter steht im Skatepark Goldach Stadt. Als Skater kann man nur immer wieder den Kopf schütteln über solche sinnlose Konstruktionen.By the Way: Das Shirt auf dem Foto dass ich trage ist unser offizielles Tourshirt, designed by Alex Schultz, checkt seine Website.
Danach ging es nach Arbon, wieder ein brauchbarer Park von Bowl Constructions. Er liegt nur ein paar Meter vom See und Feuerstelle entfernt.

Dank eines Freundes von Winnie der für uns zuvor Feuerholz deponiert hat konnten wir den Abend direkt am See mit einem schönen Feuer ausklingen lassen.
Tag 6
Arbon bis Konstanz
32km 27 Grad

Morgenstimmung in Arbon


Auf dem Weg nach Romanshorn, dort angekommen, waren wir auf der Suche nach dem Skatepark, der aber schon längst abgerissen war. Es waren nur noch die Abdrücke der Rampen im Asphalt zu erkennen.

In Uttwil am Landungssteg gab es eine Jumpsession, Simon hat hier die spektakulärsten Sprünge geliefert.
In Kreuzlingen gab es ein verrücktes Rollercoaster Obstacle

Eine wohlverdiente Pause
Zum Abschluss gabs noch ein paar Brückensprünge von Alex und Simon.

In Konstanz war unsere Reise dann zu Ende. See you next year…


